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„Soziales Engagement ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhĂ€lt“

Boxhofer
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Andrea Boxhofer ist seit 2012 GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Diakonie Zentrum Spattstraße, fĂŒr das sie bereits seit 1987 tĂ€tig ist. Sie ĂŒbt diese Funktion gemeinsam mit ihrem Kollegen Heinz Wieser aus. Der 55-JĂ€hrigen ist die FrĂŒhförderung ein besonderes Anliegen. FĂŒr ihre Verdienste im Sozialbereich wurde Andrea Boxhofer mit dem Titel „Managerin des Jahres“ ausgezeichnet.

Frau Boxhofer, wussten Sie von Ihrer Nominierung? ‹
Ja, weil mir eine Mitarbeiterin erzĂ€hlt hat, dass sie mich nominiert hat. Ich war sehr ĂŒberrascht und habe mich auch sehr darĂŒber gefreut. Ich habe aber nicht geglaubt, als Sozialmanagerin da eine Chance zu haben. 

Was bedeutet diese Auszeichnung fĂŒr Sie persönlich und fĂŒr Ihre TĂ€tigkeit?
Gesehen werden – die Ernte meiner TĂ€tigkeit in 32 Jahren fĂŒr das Diakonie Zentrum Spattstraße. Ich empfinde es als große WertschĂ€tzung unserer Arbeit gegenĂŒber und als Motivation, sich weiterhin fĂŒr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene starkzumachen. Die Auszeichnung freut mich fĂŒr unsere gesamte Branche. Diese wertvolle Arbeit geschieht meist im Verborgenen. Selten wird sie so vor den Vorhang geholt wie mit dieser Auszeichnung.‹Gerne geben wir Einblick in unsere Arbeit – fĂŒr viele ist es ein Blick in eine andere Welt. ‹         

TÀtigkeiten im Sozialbereich sind sehr fordernd und verantwortungsvoll. Welche Eigenschaft(en) muss aus Ihrer Sicht jemand, der im Sozialbereich arbeiten möchte, unbedingt mitbringen?
Kommunikative FĂ€higkeiten, FlexibilitĂ€t, TeamfĂ€higkeit, gute BewĂ€ltigungsstrategien, SelbstfĂŒrsorge und Selbstverantwortung, psychische Belastbarkeit – wir sind darauf eingestellt, dass die Arbeit fordernd ist. Sehr viel Energie braucht es aber auch dabei, um Ressourcen kĂ€mpfen zu mĂŒssen, die erforderlich sind, damit wir Menschen begleiten können. Es braucht auch viel Energie beim Umgang damit, dass soziales Handeln zunehmend verunglimpft wird. Soziales Engagement ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhĂ€lt.

Sie arbeiten seit 1987 im Diakonie‹Zentrum Spattstraße – von Mitarbeitern und Kindern „Spatti“ genannt –, begannen als LogopĂ€din und haben berufsbegleitend ein Studium an der FH Linz absolviert. Seit 2012 leiten Sie diese Einrichtung gemeinsam mit Heinz Wieser. Was sind die grĂ¶ĂŸten Herausforderungen?
Mit Spaß und Freude an der Arbeit schaffen wir es immer wieder, die großen Herausforderungen, vor die uns nicht nur unsere Klientinnen und Klienten stellen, zu meistern. Schicksale und das Leid der Kinder und Eltern und die damit verbundene große Betroffenheit können wir nur gemeinsam bewĂ€ltigen. Genauso wie das Umsetzen von Sparpaketen und den Umgang mit zeitlich und finanziell sehr begrenzten Ressourcen. Ohne wirtschaftliches Denken und Handeln geht auch im Sozialbereich nichts. Unsere „LeistungsempfĂ€nger“ unterscheiden sich in mehrerlei Hinsicht von der Kundschaft z. B. im Handel. Unsere Kundschaft ist auf organisierte Hilfe angewiesen. HĂ€ufig fehlen ihr die materiellen und/oder geistigen Mittel bzw. die Kraft, sich diese Hilfe zu holen. Oft fehlt das helfende soziale Netz, das in Notlagen unterstĂŒtzen kann. Meist besteht die Hilflosigkeit aus einem ganzen BĂŒndel sozialer Defizite. Unsere Kundinnen und Kunden kommen in der Regel nicht freiwillig zu uns, sondern getrieben vom Druck ungelöster Probleme, dem DrĂ€ngen von Angehörigen oder aufgrund gesetzlicher Vorgaben. Im Personalmanagement stehen wir vor der Herausforderung, dass es nicht mehr nur darum geht, spezifisch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschĂ€ftigen und zu finden, sondern sie vor allem zu halten. Als Social-Profit-Organisation sind wir herausgefordert, sinnvolle Konzepte und zukunftsorientierte Strategien zu entwickeln und plausible Antworten auf schwierige Fragen zu finden. Unsere neuen Projekte entstehen meist so, dass Mitarbeiterinnen durch ihr tĂ€gliches Tun in den Problemfeldern Antworten auf diese Fragen haben. Meine Aufgabe sehe ich dann darin, genau hinzuhören, Rahmenbedingungen zu schaffen, sinnvolle VorschlĂ€ge weiter-zuentwickeln, Konzepte zu verschriftlichen und mich fĂŒr deren Umsetzung einzusetzen. Das reicht bis hin zum Einsatz dafĂŒr, dass aus einer Projektfinanzierung eine Regelfinanzierung wird, und das wird immer schwieriger. Gleichzeitig ist es mir ein Anliegen, zu betonen, dass wir in Oberösterreich eine sehr gute Situation diesbezĂŒglich haben.

Wo sehen Sie die Politik gefordert?
Dass der soziale Profit, den wir fĂŒr die Gesellschaft leisten, gesehen und in den Sozialbudgets berĂŒcksichtigt wird. Der Erfolg unserer Arbeit ist messbar, aber er erfordert ein Denken, das ĂŒber Legislaturperioden hinausgeht. Ein Beispiel: Schon jetzt wird in vielen Branchen ein Mangel an FachkrĂ€ften beklagt. Jedes Kind, das jetzt zu wenig Förderung und UnterstĂŒtzung erhĂ€lt, wird spĂ€ter fehlen, wenn es um Personal geht. Wer Kinder fördern will, muss gute Bedingungen fĂŒr Familien schaffen. Dazu zĂ€hlen Kinderbetreuung, Bildung und Hilfe so frĂŒh wie möglich. Wenn ich mir aber etwas wĂŒnschen könnte, dann wĂŒrde ich mir wĂŒnschen, dass soziale Einrichtungen als der enorme Wirtschaftsfaktor gesehen werden, der sie sind. Die Bezeichnung „Non-Profit- Unternehmen“ stimmt nicht und greift viel zu kurz, weil wir ein Social-Profit- Unternehmen sind. Unsere Rendite ist eine sehr hohe, obwohl wir nichts produzieren. Der amerikanische Wissenschaftler James Heckman erhielt den Nobelpreis dafĂŒr, dass er den Wirkungsgrad von sozialer Dienstleistung errechnet hat. Jeder investierte Euro in FrĂŒhförderung kommt z. B. achtfach zurĂŒck, und die Rendite ist bei den „FrĂŒhen Hilfen“ bei der Betreuung von armutsgefĂ€hrdeten Familien oder Familien mit hoher Gewaltbereitschaft, Arbeitslosigkeit oder Alkoholproblematik sogar 1 : 16 bis 1 : 22. In der Mannheimer Risikokinderstudie wird das eindeutig belegt. Wachsen kleine Kinder z. B. in hochbelasteten Familien mit mindestens zwei Risikofaktoren wie Gewalt, Armut, Arbeitslosigkeit oder psychisch kranken Eltern auf, dann sind 52 Prozent dieser Kinder im Alter von 19 Jahren sozial auffĂ€llig, psychisch krank oder an einer Sucht erkrankt. WĂ€ren diese Familien und Kinder in ihrer Entwicklung von Anfang an begleitet und unterstĂŒtzt worden, hĂ€tte sich der Staat hohe Folgekosten erspart. Als Social-Profit-Organisation bilden wir einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor und tragen zur Wertschöpfung in Österreich bei.

Die FrĂŒhförderung ist ein großer Teil Ihres Aufgabenbereiches. Nicht zuletzt Ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass die Kommunikations-FrĂŒhförderung in Oberösterreich im Chancengleichheitsgesetz verankert wurde. Was wĂŒnschen Sie sich fĂŒr die Zukunft der FrĂŒhförderung im Speziellen und der „Spatti“ im Allgemeinen?
Ganz klar eine bedarfsgerechte Versorgung. Leider haben wir immer wieder lange Wartezeiten. Überall herrscht das Gesetz von Angebot und Nachfrage – nur im Sozialbereich nicht.

Was möchten Sie Frauen in Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit auf den Weg geben? Wo sehen Sie die MÀnner zu dieser Thematik gefordert? Wo Politik und Gesellschaft?
Wir beobachten schon jetzt, dass junge Menschen – auch MĂ€nner – lieber Teilzeit als Vollzeit arbeiten. Ein Grund dafĂŒr ist, dass sie dann Familie und Beruf besser vereinbaren können. Als Betrieb sind wir gefordert, das zu ermöglichen. Bei uns arbeiten 90 Prozent der 850 Mitarbeiterinnen Teilzeit, was ihnen die Vereinbarkeit sehr erleichtert. Ich glaube auch, dass unsere Haltung in vielen Bereichen hilfreich wĂ€re, wenn Sie Politik und Gesellschaft ansprechen. Wenn wir Entscheidungen zu treffen haben, ĂŒberlegen wir immer: Was bedeutet das fĂŒr die Kinder und Jugendlichen, fĂŒr die Menschen, die wir betreuen? Es darf keinen Unterschied machen, ob ein Kind in Vorarlberg, Wien oder Oberösterreich lebt – die Standards in der Kinder- und Jugendhilfe mĂŒssen einheitlich sein. Ebenso darf es fĂŒr Familien, die auf die Mindestsicherung angewiesen sind, keine GlĂŒckssache sein, in welchem Bundesland sie leben. FĂŒr MĂ€nner, die sich mehr Zeit fĂŒr die Familie nehmen wollen, darf es auch keine GlĂŒckssache sein, ob sie zufĂ€llig in einem Betrieb oder einer Branche arbeiten, wo das ermöglicht wird. Es sollte selbstverstĂ€ndlich sein. Ich weiß, dass Karenzzeiten im Betrieb oft nicht leicht zu managen sind. Aber wenn wir an die Zukunft denken, ist das eine zentrale betriebliche Aufgabe. Wo sollen denn sonst die viel gerĂŒhmten FachkrĂ€fte herkommen, wenn nicht von MĂŒttern und VĂ€tern, die sich um ihre Kinder kĂŒmmern.

Ihre Funktion als Sozialmanagerin bestimmt einen sehr großen Teil Ihres Lebens. LĂ€sst sich in Ihrem Fall Berufliches von Privatem ganz trennen? Worin finden Sie Ihren Ausgleich, wobei können Sie auftanken?
Nicht immer, aber zu Hause suche ich den Ausgleich und kann einfach auch einmal nichts tun. Spazierengehen mit meinem Hund, Lesen, ein gemĂŒtlicher Abend mit meinem Mann, feines Essen, Kochen fĂŒr Freunde, Tanzen: Dabei tanke ich auf. Wenn im Familien- oder Freundeskreis ĂŒber gesellschaftspolitische Themen diskutiert wird, kann ich Berufliches nicht von Privatem trennen, weil uns diese Themen als Gesellschaft immer und ĂŒberall begegnen.

Sehen Sie Ihren Beruf als Ihre Lebensaufgabe?
Zum Großteil ja, weil es eine sinnerfĂŒllte Arbeit ist. Ich wĂŒnsche jedem Menschen, etwas fĂŒr sich zu finden, fĂŒr das sein Herz brennt, fĂŒr das es sich lohnt, sich einzusetzen. Dann fĂ€llt vieles leichter.