Wirtschaftsforscher Felbermayr im Interview: Patient Österreich muss abspecken
Gabriel Felbermayr analysierte bei der 153. Generalversammlung der Volkskredit Verwaltungsgenossenschaft die wirtschaftlichen Aussichten und verordnet im Interview dem „Patienten" Österreich ein Fitnessprogramm.
Herr Felbermayr, Sie haben die Republik mit einem übergewichtigen Patienten verglichen. Wie bitter sind die Pillen, die wir zum Abspecken brauchen?
Gabriel Felbermayr: Ich habe einen übergewichtigen Patienten im Kopf, der durchaus noch in der Lage ist, sein Gewicht selbstständig zu reduzieren – indem er mehr Sport treibt und weniger isst. Er braucht keine teure Therapie, keine kostspieligen Medikamente und keine Magenverkleinerung. Ich spreche hier also nicht von chronisch Kranken. Genau das müssen wir uns auch für unser Gemeinwesen überlegen: Wie bringen wir mehr Fitness ins System, und wie kommen wir mit weniger Ressourcen aus, um den Staat am Laufen zu halten?
Wie beurteilen Sie die Maßnahmen, die die Regierung mit dem Doppelbudget beschlossen hat? Tragen diese Schritte bereits zur Fitness des Landes bei?
Felbermayr: Nein, das sind noch sehr zaghafte Schritte. Man hat offenbar große Angst, diesen übergewichtigen Patienten aufzuregen. Jetzt nimmt man ihm eben das Obers von der Sachertorte – aber die Torte selbst bleibt unangetastet, obwohl sie in diesem Ausmaß gar nicht für jeden notwendig wäre. Ich glaube, man müsste hier sehr viel mutiger sein. Doch genau dieser Mut fehlt leider.

Zur Person
GABRIEL FELBERMAYR (49) ist einer der einflussreichsten ökonomischen Berater in Österreich. Der in Steyr geborene Wirtschaftswissenschaftler ist Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) und gehört zudem dem deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweiser") an.
Man hört immer wieder, dass der Leidensdruck erst noch größer werden muss, damit sich etwas bewegt. Stimmen Sie zu?
Felbermayr: Ich glaube, wir müssen einfach wieder zukunftsorientierter denken. Unser übergewichtiger Patient muss sich fragen: Wie geht es mir in 15 Jahren? Dann wird die Reform plötzlich zu einer Investition, die eine Rendite abwirft. Das schränkt im Moment vielleicht den Konsum ein – man verzichtet eben auf das Stück Sachertorte mit dem Obers obendrauf. Aber in zehn Jahren merkt man, dass diese gesunde Selbstbeschränkung zu einem längeren und besseren Leben führt. Genau dieses Investmentdenken fehlt uns, ebenso wie die Bereitschaft zum Risiko. Keine Reform kommt mit einer Garantie. Wir müssen Dinge ausprobieren – etwa um das Spitalswesen wieder flottzukriegen. Da wird man nicht auf Anhieb alles richtig machen. Ein Investor hält auch ein Portfolio: Manches läuft, manches nicht. Was scheitert, stößt er ab, das Gute behält er. Wir brauchen diesen Mut zum Risiko. Das hat nichts mit plumpem Gürtel-enger-Schnallen oder Leiden zu tun. Es geht um eine kluge Optimierung mit Blick auf die Zukunft.
Was muss passieren, um zukunftsfit zu werden?
Felbermayr: Wir müssen an vielen Baustellen gleichzeitig arbeiten. Die letzten großen Reformen in Österreich stammen aus der Schüssel-Ära. Seitdem ist ein enormer Reformstau aufgelaufen. Wir müssen das Gesundheits- und Pflegesystem, die Schulen und die Effizienz der Verwaltung anpacken. Auch der überbordende Regulierungs- und Bürokratie-Dschungel gehört gelichtet. Ein deutscher Kollege hat unsere Länder einmal mit Gulliver verglichen: ein Riese, der am Boden liegt – gefesselt von Tausenden kleinen Fäden der Liliputaner. Genau das ist unser Problem. Eine einfache Steuerreform reicht nicht aus. Wir müssen in mühsamer Kleinarbeit diese vielen dünnen Fäden durchtrennen. Der Riese soll dadurch ja nicht zum wilden Monster werden, aber er muss endlich wieder aufstehen können.
Wir müssen zukunftsorientierter denken. Dann wird die Reform plötzlich zu einer Investition, die Rendite abwirft.
Prof. Gabriel FelbermayrWirtschaftsforscherViele Unternehmen warten nicht mehr auf die Regierung und verlagern Arbeitsplätze ins Ausland. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für Österreich?
Felbermayr: Das beobachten wir natürlich bereits. Ein Unternehmer zieht irgendwann Konsequenzen. Und dasselbe gilt für die Arbeitnehmer: Wenn Leistungsträger bei uns so hoch besteuert werden, dass es keinen Spaß mehr macht, gehen die Ärzte, Techniker oder Professoren eben in die Schweiz. Dann fehlen uns genau diese Fachkräfte. Wenn die Politik ihre Hausaufgaben nicht macht, schadet das dem Standort massiv. Den Unternehmen und den topausgebildeten Schlüsselkräften schadet es oft gar nicht persönlich – die können ihr Geld im Ausland verdienen und trotzdem schön am Attersee oder in Kitzbühel wohnen. Das geht sich für sie aus. Aber für das österreichische Gemeinwesen ist das fatal.
Österreich ist beim Wirtschaftswachstum weit abgeschlagen. Bildet das die Realität von Österreichs Wirtschaft ab?
Felbermayr: Unsere wirtschaftliche Basis ist viel stärker, als es die internationalen Rankings bei den reinen Wachstumsraten vermuten lassen. Beim BIP pro Kopf und bei der Leistungsfähigkeit spielen wir nach wie vor in der obersten Liga. Wir müssen uns nicht bange machen lassen – weder makroökonomisch noch auf Unternehmensebene. Wir neigen in Österreich dazu, die Welt schwärzer zu malen, als sie ist; das zeigt sich besonders im niedrigen Konsumentenvertrauen. Die Unternehmer sind realistischer. Ich möchte daher den Slogan der VKB leicht modifizieren: Nicht nur gemeinsam wachsen, sondern gemeinsam mehr wagen. Unternehmer sein heißt, Risiken einzugehen. Wir haben die Kraft, die Substanz und die Mitarbeiter dafür – ganz besonders hier in meinem Heimatbundesland.