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IV OÖ-Präsident Thomas Bründl im Interview: "Das Problem sind die Rahmenbedingungen"

08. Jänner 2026 zur Blog-Übersicht

Wie IV OÖ-Präsident Thomas Bründl den Wirtschaftsstandort wieder fit machen will und warum es dafür keinen einfachen Reset-Knopf gibt. Ein Mentalitätswandel ist nötig und mutige Politik, die Tabus anpackt.

Thomas Bründl geht auf die Kamera zu

Herr Bründl, warum stößt das bewährte Erfolgsmodell „Made in Austria“ an seine Grenzen?

Thomas Bründl: Wir haben exzellente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, hohes Innovationspotenzial und ein gutes Ausbildungssystem. Das Problem sind die Rahmenbedingungen: Die Lohnstückkosten haben uns aus dem Markt gepreist, bei der Energie sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig, und die Bürokratie ist ausgeufert. Wir haben die Situation durch „Gold-Plating“ noch verschärft: Wo die EU Klimaneutralität bis 2050 anstrebt, setzen wir uns 2040 als Ziel. Das ist absurd und kostet enorm viel Geld. In ganz Europa versuchen Länder, Industrie und Wertschöpfung anzusiedeln oder zurückzubringen. In Österreich erleben wir eine schleichende Deindustrialisierung und es wird zu wenig dagegen unternommen.

Bürokratieabbau: Passiert genug?

Bründl: Nein, echte Strukturreformen fehlen. Die großen Kostentreiber Pensionen und Gesundheit bleiben unangetastet. Wir haben eine der höchsten Ärztedichten, doch es reicht nicht. Wir schließen keine Ausgabenlücken, sondern reparieren das Budget nur einnahmenseitig. Unsere Staatsausgaben liegen bei 56 Prozent des BIP, der EU-Schnitt beträgt 49,5 Prozent. Das sind sieben Prozentpunkte oder 35 Milliarden Euro mehr als nötig.

Thomas Bründl im Gespräch

Thomas Bründl: Vordenker für den Wirtschaftsstandort

Thomas Bründl (59) leitet seit 25 Jahren als CEO die Starlim Spritzguss GmbH in Marchtrenk, einen globalen Technologieführer mit rund 1.740 Mitarbeitern. Als Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) ist er eine der profiliertesten und wichtigsten Stimmen der heimischen Wirtschaft.

Die Innovationskraft war immer so groß, dass wir trotz höherer Kosten besser waren. Gilt das noch?

Bründl: Wir verfügen glücklicherweise in unserem Segment noch über einen gewissen USP und technologischen Vorsprung. Aber es wäre fatal, diesen Vorsprung zur Kostendeckung zu missbrauchen – er muss in Zukunftsinvestitionen fließen. Die Realität ist: Kostenführerschaft konnten wir aus Österreich heraus nie glaubhaft kommunizieren, Qualitätsführerschaft sehr wohl. Solange das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgewogen ist und der Kunde sagt: „Das ist es mir wert, das zahle ich“, bleiben wir im Spiel. Problematisch wird es, wenn der Kunde zwar die Qualität von Made in Austria schätzt, aber nicht mehr bereit ist, den entsprechenden Preis zu zahlen. Dann beginnt eine Negativspirale.

Sie haben Werke in Kanada, Marokko oder China. Wie schneidet Österreich im Vergleich ab?

Bründl: Österreichs größtes Asset ist das duale Ausbildungssystem: Wir bilden Fachkräfte selbst aus und setzen Innovationen direkt um. Unsere Außenwerke profitieren technologisch davon. Wir beobachten durchaus, dass in anderen Ländern ein anderes Leistungs-Mindset herrscht. Ein Beispiel: Jene Fachkräfte, die nach Kanada wechselten, erlebten markante Unterschiede. Ein Achillessehnenriss bedeutet in Österreich acht bis zwölf Wochen Ausfall. In Kanada aber lautet die erste Frage: „Was ist Ihr Beruf?“ Antwort: „Qualitätsleiter“ – eine Woche später ist man wieder im Betrieb. Die Arbeitskraft erhält einen Short-Term Disability-Status und einen Parkplatz in Betriebsnähe, muss aber eigenverantwortlich zur Arbeit erscheinen.

In Österreich erleben wir eine schleichende Deindustrialisierung – und es wird zu wenig dagegen unternommen.

Viele junge Mitarbeiter wollen mehr leisten – welche Hürden stehen ihnen im Weg?

Bründl: Die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten massiv verändert: Wir wurden leistungsentwöhnt. Sukzessive wurde immer mehr Last auf die Schultern leistungswilliger Mitarbeiter gelegt. Der Slogan „Leistung muss sich lohnen“ muss daher mit Leben gefüllt werden. Warum sollten wir jemanden, der leistungswillig ist und im Flow arbeitet, ausbremsen? Als Selbstständiger kann man zwölf Stunden am Stück arbeiten – warum erlauben wir das Angestellten nicht? Wir sind in eine Verbotskultur abgerutscht. Eigenverantwortung sollte bedeuten, dass ich selbst entscheiden darf, was mir guttut.

Rajiv Bajaj, KTM-Mehrheitseigentümer, erklärte die europäische Fertigung für tot. Übertreibt er?

Bründl: Bajaj ist ein indischer Großindustrieller, der uns schonungslos den Spiegel vorhält. Wir sind in vielen Abläufen viel zu kompliziert geworden – das kostet Zeit, Geld und Ressourcen. Wir können nur mit Innovation und Effizienzsteigerung gegenwirken, um Kernbereiche der Industrie zu sichern. Wir brauchen daher eine positive Botschaft und einen echten Aufbruch. Stillstand ist Rückschritt. Wir können nicht warten und hoffen, dass der Kelch an uns vorüberzieht. Wir müssen diesen strukturellen Wandel aktiv mitgestalten.

Der Slogan „Leistung muss sich lohnen“ muss mit Leben gefüllt werden.

Was muss passieren?

Bründl: Es gibt keinen Reset-Knopf. Zunächst ist ein klares Statement wichtig. Da bin ich gespannt auf konkrete industriepolitische Maßnahmen. Zweitens geht es um eine Mindset-Änderung. Wir leisten uns viele Annehmlichkeiten, die auf den Prüfstand gehören. Drittens: Wir müssen simplifizieren, um Geschwindigkeit zu gewinnen. Beispiel Lehrlingsausbildung: Rund 110.000 Lehrlinge sind in Ausbildung und vier Ministerien sind involviert: Bildung, Arbeit, Justiz und Wirtschaft. Geht das nicht einfacher? Viertens: Investitionen in die Zukunft massiv fördern durch eine Super- oder Hyper-Abschreibung mit 50 bis 100 Prozent mehr an Abschreibungsvolumen. Damit unterstützen wir Unternehmen mit Wachstumspotenzial und stoppen die Abwanderung von Investitionen.

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